Freitag, 22. September 2017

"Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd." Otto von Bismarck (angeblich)

Pseudo-Bismarck quote.

Dieses weltweit wahrscheinlich beliebteste Pseudo-Bismarck-Zitat wurde Otto von Bismarck erst Jahre nach seinem Tod zugeschrieben und ist in seinen Schriften und Reden nicht zu finden. Es wird ihm also fälschlich zugeschrieben.

Geprägt hat das Zitat wahrscheinlich der liberale Abgeordnete Louis Berger (Witten) um 1879. Vor diesem Jahr ist der Spruch in keinem digitalisierten Text auffindbar. Louis Berger (auch: Louis Constantin Berger Witten) gehörte im Deutschen Reichstag zu einer kleinen liberalen Partei mit dem Namen "Gruppe Löwe-Berger".
  • "Daß niemals so viel gelogen wird, als wäh­rend eines Krieges, vor einer Wahl und nach einer Jagd, war der Leibspruch des Abgeordneten Louis Berger (Witten)."
    Salzburger Chronik, 10. März 1903, S. 1 (Zitat aus der Kölnischen Volkszeitung) (Link) 
1879 wurde das Zitat ohne Namensnennung einem Abgeordneten aus der Parlamentsgruppe Löwe zugeschrieben, also Louis Berger oder einem seiner Kollegen, und nicht Otto von Bismarck:
  • "Auch bemerkte ein Abgeordneter aus der „Gruppe Löwe" treffend: „Es wird nie mehr gelogen als vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd." (Link).
    Im neuen Reich. Wochenschrift für das Leben des deutschen Volkes in Staat, Wissenschaft und  Kunst. Band 9 (1879), 1. Halbband, S. 199 books.google.
  1890 scheint der nationalistische Historiker Treitschke (Link) das Zitat in der Version: "der Deutsche lüge am meisten n a ch der Jagd und v o r den Wahlen",  verwendet zu haben und 1897 wird es von einem Abgeordneten wieder einem verstorbenen Kollegen und nicht Otto von Bismarck zugeschrieben:
  • Abg. Lieber: "Ich erinnere an das Wort eines verstorbenen Kollegen: Es wird nirgends mehr gelogen als vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd. (Heiterkeit.)"
    Berliner Tageblatt, 15. Juli 1897, S. 13 (Link)
Ende des 19. Jahrhunderts war der Spruch schon weit verbreitet (Link) (Link) und
wird - wie Wikipedia-Autorinnen herausgefunden haben - Bismarck 1904 erstmals unterschoben:
  •   "[...] wenn Bismarck sein bekanntes Wort über die Gelegenheiten, bei welchen am meisten gelogen wird, zu wiederholen hätte, so müßte er den von ihm genannten dreien (vor einer Wahl, während eines Krieges, nach einer Jagd) jedenfalls die Unterleibsentzündung der Frau voranschicken."
    Zeitschrift für Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Im Auftrage der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Band 2 (1904) S. 283 (Link)
Seitdem ist dieser Spruch, mit ein paar Ausnahmen, auf Deutsch, Englisch und Italienisch offenbar untrennbar mit dem Namen Otto von Bismarcks verbunden und kommt bei einer Google-Suche weit über 100.000 Mal vor. Auf Französisch wird der Spruch seit ein paar Jahrzehnten erfolgreich dem Ministerpräsidenten Georges Clemenceau unterschoben.

 Varianten:
  • "Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd."
  • "Es wird nie mehr gelogen als vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd." 
  • "People Never Lie So Much as Before an Election, During a War, or After a Hunt." 
  • "People never cheat as much as during war, after hunt and before elections."
  • "Non si mente mai così tanto prima delle elezioni, durante una guerra e dopo la caccia."
  • "On ne ment jamais autant qu'avant les élections, pendant la guerre et après la chasse." (Pseudo-Clemenceau) 
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Quellen:
Google
Wikiquote
Berliner Tageblatt, 15. Juli 1897, S. 13 (Link)
Zeitschrift für Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Im Auftrage der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Band 2 (1904) S. 283 (Link)
(Zitiert nach Wikipedia) 
Im neuen Reich. Wochenschrift für das Leben des deutschen Volkes in Staat, Wissenschaft und  Kunst. Band 9 (1879), 1. Halbband, S. 199 (Link) (Via Wikipedia)
Salzburger Chronik, 10. März 1903, S. 1 (Zitat aus der Kölnischen Volkszeitung) (Link)   (Artikel in Arbeit.)

Mittwoch, 20. September 2017

"Habt Ehrfurcht vor dem Baum, er ist ein einziges großes Wunder, und euren Vorfahren war er heilig. Die Feindschaft gegen den Baum ist ein Zeichen von Minderwertigkeit eines Volkes und von niederer Gesinnung des einzelnen." Alexander von Humboldt (angeblich)



Alexander von Humboldt hat mit diesem Zitat so wenig zu tun wie Häuptling Sitting Bull mit der Prophezeiung aus dem 20. Jahrhundert: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann."

Seit 1961 wird Humboldt dieser pathetische Appell unterschoben, anscheinend ursprünglich von Reinhold Tüxen, einem angesehenen Botaniker, der allerdings 1939 seine Aufgabe noch darin sah, "die deutsche Landschaft vor der unharmonischen ausländischen Substanzen" und von allen "mongolischen Eindringlingen"  ... "zu reinigen". (Link)

Dieser Pseudo-Alexander-von-Humboldt-Spruch, der im Nazi-Jargon die "Minderwertigkeit eines Volkes" diagnostiziert, wird immer ohne seriöse Quellenangabe zitiert und er ist vor 1961 nicht auffindbar. 
Da auch Ingo Schwarz von der Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bestätigt hat, dass dieses Zitat in keinem Text Humboldts zu finden ist, muss das Zitat als Falschzitat angesehen werden.
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Quellen:
Bundesanstalt für Vegetationskartierung: "Pflanzen und Pflanzengesellschaften als lebendiger Bau- und Gestaltungsstoff in der Landschaft", 1961, S. 176  (Link)
E-Mail von Dr. Ingo Schwarz vom 19. September 2017
Falsch zugeschrieben wird das Zitat in diversen Online-Zitatsammlungen (Google), aber auch vom ARD  (Link).

Montag, 18. September 2017

"Die Gegenden von Salzburg, Neapel und Konstantinopel halte ich für die schönsten der Erde." Alexander von Humboldt (angeblich)

Dieses in der Salzburger Tourismuswerbung beliebte Zitat wird Alexander von Humboldt, der selbst nie in Konstantinopel war, seit 1870 unterschoben. Erstmals wurde Salzburg 1839 gemeinsam mit Neapel und Konstantinopel von unbekannten "Reisenden" als eine der schönsten Städte gepriesen.

1839
  • "Nach den Berichten von Reisenden, welche die Städte und Sitten vieler Menschen gesehen,  ist  Neapel die erste, Konstantinopel die zweyte, Salzburg die dritte der schönsten Städte Europens. Nach ihnen kommt  Vincenca."
    Benedikt Pillwein, Das Herzogthum Salzburg oder der Salzburger Kreis, Linz 1839, S. 273. (Zitiert nach R. Hoffmann)
40 Jahre später wurde aus einer der schönsten Städte Europas eine der drei schönsten Städte der Erde:

1870
  • "Die Gegenden von Salzburg, Neapel und Constantinopel halte ich für die schönsten der Erde."
    Alexander v. Humboldt in einem Briefe an Bergrath Math. Mielichhofer."
    "Führer durch Salzburg", 1870 (pdf)
    Der undatierte Brief wurde nie gefunden. Es gibt keine schriftlichen Zeugen, dass Alexander von Humboldt je mit dem Salzburger Bergrath und Botaniker Mielichhofer, nach dem die Salix mielichhoferi, die Tauernweide, benannt wurde, korrespondiert hätte.

    Allerdings scheint der Sohn des Bergraths, Ludwig Mielichhofer, diesen Brief öfters mündlich erwähnt zu haben.

    Über Ludwig Miellichhofer, 1871:
    • "Wenn Mielichhofer mit Fremden von der schönen Lage Salzburgs spricht, zitirt er sehr gerne einen Brief Alexanders von Humboldt an seinen Vater, den Bergrath Mielichhofer, in welchem der Erstere Salzburg mit Neapel und Konstantinopel in in eine Linie stellt; in solchen Augenblicken vergißt Mielichhofer, daß er nicht sein eigener Vater ist; er fühlt sich dann nicht allein als Redakteur der Salzburgerin und siebzehnzeiliger Dichter im Wurzbach, sondern sogar als Bergrath, und wenn er noch zehn Jahre lebt, wird er endlich überzeugt sein, daß Humboldt eigentlich an ihn geschrieben hat.
      Rupertus
      "

      "Neue Böse Zungen"
      , 1871
      (Link)
    Nach dem Urteil dieses unbekannten Autors mit dem Pseudonym "Rupertus" war Ludwig Mielichhofer, der Autor und Chefredakteur der Salzburger Zeitung,  kein vertrauenswürdiger Zeuge für einen undatierten Brief, der spurlos verschwunden ist und von dem man nur eine Zeile kennt.
     
    Humboldt wohnte zwar ein halbes Jahr in Salzburg, war aber sein Leben lang nie in Konstantinopel, weswegen sein enthusiastisches Lob Konstantinopels völlig unwahrscheinlich ist. Also ist der ganze Satz erfunden.  Ich folge hier der Argumentation des Salzburger Historikers Robert Hoffmann (pdf), der sich die Mühe machte, die Entwicklung der Legende von diesem "Schlagwort im Dienste des Tourismus" in allen Details nachzuzeichnen.
    Pseudo-Alexander-von-Humboldt quote.


    Die Schönheit der Landschaft um Salzburg wurde in den 1790er Jahren von Gelehrten, Künstlern und Reiseschriftstellern entdeckt und später als romantisches Landschaftideal verherrlicht. Erstaunlicherweise auch vom Bruder Alexander von Humboldts, dessen Begeisterung für die Salzburger Landschaft von der Salzburger Tourismuswerbung völlig ignoriert wurde und wird:

    Wilhelm von Humboldt, Salzburg, 14. August 1828:
    • "Ich schreibe Ihnen wieder aus Deutschland, liebe Charlotte, und aus der Gegend, die man wohl die schönste von Deutschland nennen kann. Wenigstens kenne ich keine, die man als schöner rühmen könnte. Die Lage ist wirklich prachtvoll, eine lachende, fruchtbare Ebene, von der man überall die Ansicht majestätischer Gebirge hat, und in der selbst einige wie hingeschleuderte Felsenparthien liegen. Diese sind wirklich merkwürdig, und ich sah nirgends sonst ähnliche dieser Art. Es sind nicht einzelne Felsstücke blos, noch weniger einzelne gipfelige Berge, sondern hohe, lange und verhältnißmäßig schmale Felsmassen, die auf ihrer Oberfläche eine mit fruchtbarer Erde bedeckte, mit Garten und Häusern geschmückte Ebene bilden."  (Link)
    Man wirbt für Salzburg lieber mit einem kurzen, einprägsamen Slogan von Alexander von Humboldt, auch wenn der höchstwahrscheinlich nur erlogen ist.

    Varianten:

    • "Die Gegenden von Salzburg, Neapel und Konstantinopel halte ich für die schönsten der Erde."
    • "Die Gegend um Konstantinopel, Neapel und Salzburg halte ich für die schönsten der Erde."
    • “I regard the areas of Salzburg, Naples and Constantinople as the most beautiful on Earth."
    • "Ich zähle die Gegend von Salzburg zu den drei schönsten Regionen der Erde."
    • "Salzburg wurde von einem berühmten Reisenden als eine der drei schönsten Städte dieser Erde bezeichnet; die anderen waren Venedig und Rio de Janeiro." 
    • “the surroundings of Salzburg, Naples and Constantinople are one of the most beautiful places in the world”.
    • "Schon Alexander von Humboldt nannte Hallstatt »den schönsten Seeort der Welt«".
    • "Alexander von Humboldt zählte Berchtesgaden zu den fünf schönsten Gegenden weltweit." 
    Salzburg ist nicht die einzige Stadt, die mit erfundenen Zitaten von Alexander von Humboldt beworben wird.

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     Quellen:
    Robert Hoffmann: "Die Entstehung einer Legende. Alexander von Humboldts  angeblicher  Ausspruch über Salzburg" (mit einer Einleitung von Ingo Schwarz), 2006: (pdf)
    Benedikt Pillwein: "Das Herzogthum Salzburg oder der Salzburger Kreis", Linz: 1839, S. 273. (Zitiert nach R. Hoffmann)
    Führer durch Salzburg und seine Umgebungen . Mit besonderer Berücksichtigung von Gastein,  Berchtesgaden und Reichenhall. Zweite berichtigte und sehr vermehrte  Auflage, Verlag Dieter und Kroll, Salzburg 1870. (Zitiert nach R. Hoffmann) (pdf)
    Wilhelm von Humboldt: "Briefe an eine Freundin." I. Theil, Brockhaus, Leipzig: 1847, S. 362 (Link)
    "Neue Böse Zungen. Eine Revue alles Interessanten", Wien, 2. Jg., Nr. 14, 7. Juli 1871, S. 231 (Link)
    Salzburg Wiki 
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    Anmerkung:
    "Auch Mathias Mielichhofers Sohn Ludwig ... äußerte sich nie – was wohl naheliegend gewesen wäre – über einen Kontakt seines Vaters zu Humboldt."  Nach dem Quellen-Fund von Christian Opitz (Link) stimmt dieser Satz von Robert Hoffmann so nicht mehr. Ludwig Mielichhofer scheint sich zwar schriftlich nie über das Verhältnis seines Vaters mit  Alexander von Humboldt geäußert zu haben, mündlich in seinem Bekanntenkreis aber öfters (Link), wenn man dem boshaften Artikel von 1871 glauben kann.

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    Dank:
    Ich danke Ingo Schwarz für den Hinweis auf dieses Zitat und Christian Opitz für seinen Hinweis auf den satirischen Artikel über den Sohn des Bergraths Mielichhofer.

    "Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben." Alexander von Humboldt (angeblich)

    Pseudo-Alexander-von-Humboldt quote.
    Dieser weit verbreitete Spruch, der immer ohne seriöse Quellenangabe zitiert wird, wird Alexander von Humboldt seit etwa 1977 (Google) unterschoben und ist in seinen Texten nicht aufzufinden, wie mir auch Dr. Ingo Schwarz von der Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bestätigt hat.

    Mit mehr als 4000 Google-Treffern (Link) ist dieses Pseudo-Alexander-von-Humbold-Zitat seit etwa 10 Jahren auch auf Englisch sehr beliebt.

    Varianten:
    • “The most dangerous worldviews are the worldviews of those who have never viewed the world.” 
    • "The most dangerous worldview is the worldview of those have not viewed the world."
    • "Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben."
    • "Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung derjenigen Leute, welche die Welt nie angeschaut haben." 
    • "Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die nie Welt angeschaut haben." 
    • "Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben."
    • "Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben." 

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    Quellen:
    Christian Seidl auf Twitter
    Google  (Link), (Link)
    E-Mail von Dr. Ingo Schwarz vom 17. September 2017

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    Dank:
    Ich danke Christian Seidl für den Hinweis auf dieses Falschzitat und Ingo Schwarz für die Bestätigung, dass es in keinem Text Alexander von Humboldts zu finden ist.








     

    Samstag, 16. September 2017

    "Finster war's, der Mond schien helle ..." Joachim Ringelnatz (angeblich)

    Dieses Zitat stammt weder von Joachim Ringelnatz (Link) noch von Christian Morgenstern, sondern aus einem anonymen Kindergedicht, das schon vor 130 Jahren (Link) (Link) weit verbreitet war. Das Nonsensgedicht aus lauter Oxymora gibt es in Dutzenden Versionen mit vielen Zusatzsstrophen und wird irrtümlich auch anderen Autoren unterschoben.

    Ralph Babel hat auf seiner Seite diverse Varianten dieser wahrscheinlich immer noch bekanntesten Oxymora  übersichtlich dokumentiert: "Dunkel war's, der Mond schien helle", Varianten von 1875 bis 2005  (Link).  Deswegen bringe ich hier nur eine kurze Fassung dieser anonymen Verse, die meistens mit: "Dunkel war's, der Mond schien helle" beginnen; mir gefällt "Finster war's ..." besser.

    "Finster war’s, der Mond schien helle,
    schneebedeckt die grüne Flur,
    als ein Wagen blitzesschnelle
    langsam um die Ecke fuhr.

    Drinnen saßen stehend Leute,
    schweigend ins Gespräch vertieft.
    als ein totgeschossener Hase
    auf der Wiese Schlittschuh lief."
    Anonym (Nach der Fassung von James Krüss.)

    Sämtliche 12 Strophen in der Bearbeitung von Volker Gringmuth findet man auf seiner Webseite hier.
    Varianten von 1875 bis 2005: FAQ-Liste des Usenet-Forums de.etc.sprache.deutsch
    ________
    Quellen:
    "Neue Zeitschrift für Musik", 15. Januar 1886, S. 27 (Link)
    "Wiener Montags-Journal", 10. Mai 1885, S. 3 (Link)
     Ralph Babel: FAQ-Liste des Usenet-Forums de.etc.sprache.deutsch 
    Wikipedia


    Montag, 11. September 2017

    "Nicht der Krieg, der Frieden ist der Vater aller Dinge." Willy Brandt (angeblich)

    Dieses Zitat stammt - wie Tobias Blanken kürzlich herausgefunden hat - von einem der größten Sozialistenhasser aller Zeiten, von dem österreichischen Ökonomen Ludwig von Mises. Willy Brandt wird dieser Aphorismus unseres Wissens erst seit 2004 zugeschrieben, und wir wissen nicht, wann und wo er das gesagt hat und ob er es überhaupt jemals gesagt hat, da der Spruch immer ohne genaue Quellenangabe zitiert wird (Google).

    Da dieses Zitat Willy Brandt erst mehr als 10 Jahre nach seinem Tod zugeschrieben und es davor nie in einer großen deutschen Zeitung erwähnt wird, ist es sehr wahrscheinlich falsch zugeschrieben, und nicht nur, weil dieses Zitat Ludwig Mises 1922 geprägt hat:

    • "Die Überwindung des Gewaltprinzips durch das Friedensprinzip wird dem menschlichen Geiste in der liberalen Sozialphilosophie bewußt, in der sich die Menschheit zum erstenmal über ihr Handeln Rechenschaft gibt. Sie zerreißt den romantischen Nimbus, mit dem die Ausübung der Gewalt bis dahin umgeben war. Krieg, lehrt sie, ist schädlich, nicht nur für die Besiegten, sondern auch für die Sieger. Durch Werke des Friedens ist die Gesellschaft entstanden, ihr Wesen ist Friedensstiftung. Nicht der Krieg, der Frieden ist der Vater aller Dinge. Nur durch wirtschaftliche Arbeit ist der Wohlstand um uns herum entstanden; Arbeit, nicht Waffenhandwerk bringt den Völkern Glück."
      Ludwig von Mises: "Die Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus." (1922) 2., umgearbeitete Auflage, Verlag von Gustav Fischer, Jena: 1932, S. 45 pdf





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    Quellen:
    Ludwig von Mises: "Die Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus." (1922) 2., umgearbeitete Auflage, Verlag von Gustav Fischer, Jena: 1932, S. 45 pdf
     "Zum 100. Geburtstag von Willy Brandt. Er hat die Fenster aufgemacht in diesem doch sehr verrotteten Land." Brandts Wahlkampfleiter erinnert an die alte Bonner Republik. Albrecht Müller im Gespräch mit Liane von Billerbeck. Deutschlandfunk Kultur: 18.12.2013 (Link)
    Albrecht Müller erwähnt das Zitat hier 21 Jahre nach Willy Brandts Tod und meines Wissens nie im 20. Jahrhundert. Er ist deswegen meiner Meinung nach hier keine verlässliche Quelle für dieses Zitat.
    Twitter
    Google
    _______
    Dank:
    Ich danke Tobias Blanken für den Hinweis auf dieses falsch zugeschriebene Zitat auf Twitter. (Link)

    Sonntag, 10. September 2017

    "Es gibt drei Arten von Lügen: Lügen, verdammte Lügen und Statistiken." Benjamin Disraeli (angeblich)

    Wir wissen nicht, wer diesen Spruch, den heutzutage fast jeder kennt, geprägt hat (eventuell Sir Charles Wentworth Dilke), wir wissen allerdings, dass er dem britischen Premierminister Benjamin Disraeli nur unterschoben wurde, auch von Mark Twain, dem heute der Spruch selbst oft fälschlich zugeschrieben wird. Mark Twain zitiert ihn in seiner Autobiographie, er hat ihn aber nicht geprägt.
    Pseudo-Mark-Twain quote.

    Im Department of Mathematics der University of York (Link) ist man der Sache am gründlichsten nachgegangen und die meisten der folgenden Zitate sind mit Links und Quellennachweisen in ihrer  Studie "Lies, Damned Lies and Statistics" verzeichnet.

    Es ist sicher etwas übertrieben, die Evolution dieses Statistik-Spruchs bei Thomas von Aquin und Augustinus, die drei Arten von Lügen unterschieden (sunt tria genera mendaciorum), beginnen zu lassen:


    1266
    • "Auf der anderen Seite sagt Augustin (l. c. 14.): „Drei Arten Lügen giebt es: Die einen geschehen für den Vorteil und den Nutzen des betreffenden; die anderen geschehen aus Scherz; die dritte Art Lügen vollzieht sich aus Bosheit, um zu schaden."
      "Sed contra est quod super illud Psalm., perdes omnes qui loquuntur mendacium, dicit Glossa quod sunt tria genera mendaciorum. Quaedam enim sunt pro salute et commodo alicuius; est etiam aliud genus mendacii, quod fit ioco; tertium vero mendacii genus est quod fit ex malignitate. Primum autem horum dicitur officiosum; secundum, iocosum; tertium, perniciosum. Ergo mendacium in tria praedicta dividitur."
      Thomas von Aquin: Summa theologica, Quaestio 110, Articulus 2, 1265-1273 (Link)

    1845
    • "Der heilige Thomas von Aquin unterscheidet drei Arten von Lügen: die Dienstlüge, die Scherzlüge und die schädliche Lüge." (Link)
    1859
    • "Es giebt drei Arten von Lügen: Lügen durch Reden; Lügen durch Verschweigen; und Lügen durch Verstellung; indem Jedes uns etwas zu glauben bestimmt, was wir nicht sollen." (Link)
    1885
    • "Talked politics, scandal, and the three classes of witnesses—liars, d—d liars, and experts."
    • "Bag is bad, but fibs are worse; and a mixture of brags and fibs is worst of all; and this is what we find in the Liberationist statistics". 
    1886
    • "Whereupon counsel on the other side was heard to explain to his client that there were three sorts of liars, the common or garden liar ... the damnable liar who is fortunately rather a rara avis in decent society, and lastly the expert, ...".
    1891
    • "false statements might be arranged according to their degree under three heads, fibs, lies, and statistics".
      Sir Charles Wentworth Dilke 
    • "It has been wittily remarked that there are three kinds of falsehood: the first is a ‘fib,’ the second is a downright lie, and the third and most aggravated is statistics."
    1892
    •  "... Balfour, der Erste Lord des Schatzamtes, erklärte neulich in einer Rede zu Manchester, es gebe drei Arten von Lügen, nämlich erstens einfache Lügen, zweitens verfluchte Lügen und drittens — die Statistik."
      Neue Freie Presse (Link)
    • "The statements were to the effect that there are three classes of unreliable witnesses, and they were respectively classified as the liar, the blanked liar and the medical expert. " 
    •  "the liar simple, the d–d liar and the expert witness."
    • "As to the three orders of untruth, a fib, a lie, and statistics".
    • "There are lies, there are outrageous lies, and there are statistics."
    1895
    • "Columns of figures are hurled about in the papers, and demonstrate the justice of the witty claim that there are three kinds of untruth : fibs, lies, and statistics."
    • "We all know, again, the famous degrees of comparison recently quoted by an eminent statesman: lies, d—d lies, and statistics."
    • "I think Lord Beaconsfield said that there were three degrees of veracity—viz., lies, d—d lies, and statistics."
    • "the proverbial kinds of falsehoods, 'lies, damned lies and statistics'".
    1896
    • "a recent president of Harvard" was saying that "There are three kinds of lies—lies, damned lies and statistics."
     1904
    • ".. the remark attributed to Disraeli would often apply with justice and force: 'There are three kinds of lies: lies, damned lies, and statistics.'" 
      Mark Twain, Autobiography (Link)

    1911  
    • Es seien dann "... alkoholfeindliche Statistiken zu Tage gefördert worden und da ist denn auch das hübsche Wort des alten Lord Beaconsfield aufgeflattert, demzufolge es drei Arten von Lügen gebe: Lügen, verdammte Lügen und Statistiken". (Link)

    1921
    • "There are three degrees or classes of lies; there are lies, damned lies and statistics."
    1926
    • "Wie es für den geistreichen Spötter Antoine Rivarol drei Arten von Lügen gibt, nämlich die Behauptung, die Auslassung und die Statistik, so gibt es für mich als Statistiker drei Arten von Menschen: solche, die die Statistik brauchen, andere, die sie missbrauchen, und dritte, die über sie schimpfen." (Link)

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    Quellen:
    "Lies, Damned Lies and Statistics" , Department of Mathematics der University of York, 2012 (Link)
    Wikipedia: "Lies, damned lies, and statistics"
    Thomas von Aquin: "Summa theologica", Quaestio 110, Articulus 2, 1265-1273 (Link) 

    (Artikel in Arbeit.)

    "Nothing to hide." "Wer nichts zu verbergen hat, braucht nichts zu befürchten." Joseph Goebbels (angeblich)

    Der Spruch: "If you have nothing to hide you have nothing to fear", der bei Diskussionen über den Ausbau des Überwachungsstaats in den letzten Jahren oft zititert wird, wird in der englischsprachigen Welt manchmal fälschlich Joseph Goebbels zugeschrieben.

    • "Wenn Sie nichts zu verbergen haben, dann haben Sie nichts zu befürchten."
    • "Wer nichts zu verbergen hat, braucht nichts zu befürchten." 
    • "If you have nothing to hide you have nothing to fear.”
    • "You have nothing to fear if you have nothing to hide."
    Da der problematische Slogan niemals mit einer genauen Quellenangabe zitiert wird und von kompetenten Leuten in keiner Schrift oder Rede von Goebbels so zu finden war, kann man sich inzwischen sicher sein, dass er Goebbels fälschlich zugeschrieben wird.

    Wer den Spruch in diesem kurzen Wortlaut vor kaum 20 Jahren geprägt hat, wissen wir nicht. Varianten findet man sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch seit dem 19. Jahrhundert.
    Zum Beispiel: Wer nichts zu verbergen hat, braucht die Beobachtung ..., die Beichte ..., die Aufsicht der ungarischen Regierung ... oder die Kontrolle der Sozialdemokratie nicht zu fürchten.

    In der immer noch lesenswerten Analyse des korrupten Pressemilieus, in "The Brass Check. A Study of American Journalism" (1919), kommt auch der sozialistische Autor Upton Sinclair dem Wortlaut des Spruchs nahe.


     1825
    • "Wer nichts zu verbergen hat, scheut die Beobachtung nicht; und wer den Beobachter scheut, wird machen, daß er nichts mehr zu verbergen habe."
      Anselm Feuerbach
      ,
      "Betrachtungen über die Oeffentlichkeit und Mündlichkeit der Gerechtigkeitspflege."

    1832

    • "We must have nothing to hide, nothing to fear."
      "Sermons on the spiritual comfort and assurance attainable by obedience ..." (Link)
     
    1883
    • "wer nichts zu ver­heimlichen habe, brauche auch die Aufsicht der ungarischen Regierung nicht zu fürchten."  

    1889
    • "Wer nichts zu verheimlichen hat, braucht eine Beichte nicht zu fürchten.“ (Google)
     1903
    • "Until you make your life so honorable and open that you have nothing to fear, that no disclosure will cause you to tremble, until you have made your life so clean that you have nothing to hide ..."
      The Character Builder (Link)

    1910
    • "Wer nichts zu verbergen hat, braucht die Kontrolle der Sozialdemokratie nicht zu scheuen."
      In dem Zeitungsartikel fordern Sozialdemokraten Kontrollen der Gemeindegelder. (Link)

    1919
    • „From first to last I had nothing to hide, and for that reason I had nothing to fear, and this was as well known to the newspapers as it was to the police who were probing the explosion.“
    • „Vom Anfang bis zum Ende hatte ich nichts zu verbergen, und deswegen hatte ich nichts zu befürchten, und dies war den Zeitungen genauso gut bekannt wie der Polizei, die die Explosion untersuchte.“
      Upton Sinclair: "The Brass Check. A Study of American Journalism." Published by the author. Pasadena: 1919 (Google books)


    1933
    • "I have nothing to hide and nothing to colour, for this young Germany has no reason to fear the judgment of the world."
      Joseph Goebbels: Englische Übersetzung seiner Genfer Rede vom 28. September 1933 (Link) 
    Jospeh Goebbels versichert im September 1933 in Genf, er habe nichts zu verbergen und das junge Deutschland habe keinerlei Grund, das Urteil der Welt zu fürchten, das autoritäre Regime Deutschlands sei eine höhere Form von Demokratie und Hitler wünsche den Frieden, weil er miterlebt habe, was Krieg bedeute.
    Der Spin, die Lügen von Joseph Goebbels wurden von der internationalen Presse nicht gut aufgenommen, aber vielleicht blieb sein "nothing to hide" bei einigen Journalisten hängen.
     

    _______
    Quellen:
    Ralf Bülow: " 'Missing Link': Der Erste, der nichts zu verbergen hatte." heise online, 13. August 2017 (Link)
    Anselm Feuerbach: "Betrachtungen über die Oeffentlichkeit und Mündlichkeit der Gerechtigkeitspflege." Zweiter Band, Georg Friedrich Heyer, Giessen: 1825, S. 139 (Link)
    Upton Sinclair: "The Brass Check. A Study of American Journalism." Published by the author. Pasadena: 1919 (pdf) (Link)
    Anno
    Wikipedia: "Nichts-zu-verbergen-Argument"
    Wikipedia: "Nothing to hide argumen"

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    Dank:
    Ich danke Ralf Bülow für Hinweise und für seinen aufschlußreichen Artikel zu diesem Spruch (Link).

    "Statistisches Denken wird eines Tages für mündige Staatsbürger ebenso wichtig sein, wie die Fähigkeit zu lesen oder zu schreiben." H.G. Wells (angeblich)

    Dieses Zitat, das seit 1950 tausende Male H.G. Wells zugeschrieben wurde, konnte jahrzehntelang in keiner Schrift von H.G. Wells gefunden werden. Erst vor ein paar Jahren hat ein Bibliothekar den Psychologen und Autor Gerd Gigerenzer darauf aufmerksam gemacht, dass in einem 1938 erschienen Buch von H.G. Wells wenigstens ein ähnlicher Satz zu finden ist.
    • "A certain elementary training in statistical method is becoming as necessary for anyone living in this world of today as reading and writing."
      H. G. Wells:
      "World Brain", 1938 (Link)
    • "Eine gewisse Grundunterweisung in der statistischen Methode ist für jeden, der in unserer heutigen Welt lebt, so unabdingbar wie Lesen und Schreiben."
      H. G. Wells, 1938
    Der Statistiker Samuel S. Wilks hatte am 28. Dezember 1950 (Link) bei einer Rede für die American Statistical Association diesen Satz in folgendem Wortlaut in Erinnerung: 
    •  "Perhaps H.G. Wells was right when he said 'Statistical thinking will one day be as necessary for efficient citizenship as the ability to read and write.'"

       Und in dieser Version wurde das H.G.-Wells-Zitat seitdem zu einem Lieblingszitat aller Statistiker.
    Varianten auf Deutsch:
    • "Statistisches Denken wird eines Tages für mündige Staatsbürger ebenso wichtig sein, wie die Fähigkeit zu lesen oder zu schreiben."
    • „Statistisches Denken wird eines Tages genauso wichtig sein für eine aufgeklärte Gesellschaft wie die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben". 
    • "Statistisches Denken wird eines Tages für ein fähiges Bürgertum ebenso notwendig sein, wie die Beherrschung des Lesens und Schreibens.
    • "Wolle man mündige Bürger, so müsse man diesen Lesen, Schreiben und statistisches Denken beibringen, sagte einmal Herbert G. Wells, der Autor der "Zeitmaschine". (Link)
    Das Zitat ist zwar entstellt, aber anders als bei vielen anderen entstellten Zitaten verfälscht es nicht den Gedanken des Autors.

    Three false quotes.


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    Quellen:
    H.G. Wells: "World Brain." Methuen & Co., London: 1938 Project Gutenberg
    W. Tankard Jr.: "The H.G. Wells quote on statistics: A question of accuracy". Historia Mathematica, The University of Texas, Austin: 1979 (Link)  (Diese verdienstvolle Studie ist nicht mehr aktuell, da der Autor das ursprüngliche Zitat von H.G. Wells nicht gefunden hat.)
    Gerd Gigerenzer: "Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft." C. Bertelsmann, München: 2013 (Link)
    Darrell Huff: "How to Lie with Statistics."W. W. Norton & Company, New York: 1954
    Quora:  "What is the source of the H.G. Wells quote, "Statistical thinking will one day be as necessary for efficient citizenship as the ability to read and write"? 2012 (Nicht mehr aktuell.)
     Google
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    Zitate:
    "A certain elementary training in statistical method is becoming as necessary for anyone living in this world of today as reading and writing. I am asking for this much contemporary history as the crowning phase, the graduation phase of our knowledge-giving. After that much foundation, the informative side of education may well be left to look after itself."
    H.G. Wells: World Brain, 1938, Project Gutenberg

    "The great body of physical science, a great deal of the essential fact of financial science, and endless social and political problems are only accessible and only thinkable to those who have had a sound training in mathematical analysis, and the time may not be very remote when it will be understood that for complete initiation as an efficient citizen of one of the new great complex world-wide states that are now developing, it is as necessary to be able to compute, to think in averages and maxima and minima, as it is now to be able to read and write. This development of mathematical teaching is only another aspect of the necessity that is bringing the teaching of drawing into schools, the necessity that is so widely, if not always very intelligently perceived, of clearheadedness about quantity, relative quantity, and form, that our highly mechanical, widely extended, and still rapidly extending environments involve.
    Arithmetic and geometry were taught in the mediaeval school as sciences, in addition the quadrivium involved the science of astronomy, and now that the necessary fertilizing inundation of our general education by the classical languages and their literatures subsides, science of a new sort reappears in our schools. I must confess that a lot of the science teaching that appears in schools nowadays impresses me as being a very undesirable encumbrance of the curriculum. The schoolman’s science came after the training in language and expression, late in the educational scheme, and it aimed, it pretended—whatever its final effect was—to strengthen and enlarge the mind by a noble and spacious sort of knowledge. "
    H.G. Wells: Mankind in the Making, 1903 Project Gutenberg

    Freitag, 8. September 2017

    "Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe." Winston Churchill (angeblich)

    Dieses Zitat stammt weder von Winston Churchill noch von Joseph Goebbels: Es taucht in den digitalisierten Texten 1946 erstmals ohne Namen auf und in der ersten Person Singular erstmals 1967 als Bonmot von Bischof Otto Dibelius (Link).
    Erst nach 1980 wird der Spruch Winston Churchill unterschoben und das Anekdotenbuch von Bischof Dibelius scheint vergessen worden zu sein.

    1946: 
    • "Was nutzt es also, wenn gewisse deutsche Regionen versuchen, die Welt zu überzeugen, sie seien an dem nazistischen Unheil „weniger“ schuld als ihre Brüder jenseits des Flusses? So viel haben sie schon gelernt, daß sie nur den Statistiken glauben, die sie selbst gefälscht haben."
      Hanns-Erich Haack: "Ameisenstaat oder Sintflut." Deutsche Rundschau, 1946, S. 139
      (Link) 

    1967
    • "Im übrigen glaube ich nur an die Statistik, die ich selbst gefälscht habe."
      Bischof Otto Dibelius.
      (Es ist nicht überliefert, in welchem Jahr der 1967 verstorbene Bischof diesen Satz geprägt hat.)
      In: "Anekdoten um Bischof Dibelius: Geist und Witz eines grossen Kirchenmannes", Bechtle Verlag, München und Esslingen: 1967, S. 79 (Link)
     1978
    • "Sie wissen, dass man einer Statistik nur dann Glauben schenken darf, wenn man sie selber gefälscht hat."
      (Ohne Zuschreibung an Dibelius oder Churchill)
      G. Stadler, Basel: "Genetik und Gesellschaft." Bull. Schweiz. Akad. Med. Wiss. 34, 1978, S. 309 (pdf)

    1982
    • "Man kann einer Statistik nur dann trauen, wenn man sie selbst gefälscht hat."
      (Vielleicht wurde das Zitat hier erstmals Winston Churchill unterschoben.)
      In: Tim Wesski: "Waffen in germanischen Gräbern der älteren römischen Kaiserzeit südlich der Ostsee." B.A.R. Internat. Ser. 147, Oxford: 1982 (Link) 

    1989
    • "Von Winston Churchill ist ja bekannt, daß er gesagt hat, er glaube nur der Statistik, die er selbst gefälscht habe."
    Pseudo-Churchill quote.

    Durch Recherchen von Werner Barke vom Statistischen Landesamt Baden-Württemberg weiß man seit 2004, dass der Spruch in keiner Schrift Winston Churchills zu finden ist, allerdings wurde damals die Legende in die Welt gesetzt, Joseph Goebbels oder einer seiner Mitarbeiter habe wahrscheinlich den Spruch Winston Churchill unterschoben. 
    Diese Legende wird heute von vielen statistischen Fachbüchern und Webseiten verbreitet (Link). Da aber bis heute kein Beleg für diese These gefunden wurde, kann man davon ausgehen, dass es nicht im Propagandministerium von Joseph Goebbels geprägt wurde. Englische Versionen des angeblichen Churchill-Zitats sind nur in Texten aus dem 21. Jahrhundert zu finden.

    Einige Varianten:
    • "Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe."
    • "Man kann einer Statistik nur dann trauen, wenn man sie selbst gefälscht hat."
    • "Man verwende keine Statistiken, es sei denn, man hat sie selbst gefälscht."
    • "Ich glaube nur Statistiken, die ich selbst gefälscht habe."
    • "I only believe in statistics that I doctored myself."
    • "The only statistics you can trust are those you falsified yourself." 
    • "The only statistics I trust are those I made up myself."
    • "Do not trust any statistics you did not fake yourself."
     
    Pseudo-Churchill quote.

    (Korrigierte Fassung, 11/9/2017; weitere Zitat-Funde vor 1946 und vor 1967 würden mich freuen.)
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    Quellen:
    Werner Barke: "Ich glaube nur der Statistik ... Was Winston Churchill über Zahlen und Statistik gesagt haben soll – und was er wirklich sagte." Hrsg.: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stuttgart: (2004) 2011, 6. Auflage (pdf)
    "Die Zeit", Nr. 34/2004: "Von Chruchill?" (Link)
    Wolf-Dieter Zimmermann: "Anekdoten um Bischof Dibelius. Geist und Witz eines großen Kirchenmannes", Bechtle Verlag, München und Esslingen: 1967, S. 79 (Link)
    G. Stadler, Basel: "Genetik und Gesellschaft." Bull. Schweiz. Akad. Med. Wiss. 34, 1978, S. 309 (pdf)
    Tim Wesski: "Waffen in germanischen Gräbern der älteren römischen Kaiserzeit südlich der Ostsee." B.A.R. Internat. Ser. 147, Oxford: 1982 (Link) 
    Hanns-Erich Haack: "Ameisenstaat oder Sintflut." Deutsche Rundschau, 1946, S. 139 (Link) (Zitiert nach Wikipedia)
    Wikiquote
    Wikipedia

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    Dank:
    Ich danke Ralf Bülow für seine Recherchen zu diesem Zitat.